Ausgangssituation 1945

Im Frühjahr 1945 machten die Alliierten auf deutschem Boden an allen Fronten Kriegsgefangene. Zahlreiche Soldaten der Wehrmacht folgten dem Aufruf auf Flugblättern, sich zu ergeben. Laut amerikanischen Quellen stieg die Zahl der Kriegsgefangenen allein in der Woche vom 1. bis 8. Mai 1945 um eine Million Soldaten an. Diese Gefangenen mussten nun versorgt werden, sie waren oft verletzt, erschöpft und ausgehungert.

Die allgemeine Situation war aus mehreren Gründen schwierig: Europa war sechs Jahre lang Kriegsschauplatz gewesen, Millionen Menschen litten unter den Folgen des Krieges und hungerten in den zerstörten Städten. Ebenfalls waren fast überall die Transportwege und -mittel, Brücken, Bahnhöfe – kurz: die ganze Infrastruktur – zerstört worden. Die Alliierten mussten in kürzester Zeit die Versorgung der eigenen Soldaten, der Überlebenden aus den befreiten Konzentrationslagern, der ehemaligen Zwangsarbeiter – die beiden letzteren Gruppen fasste man unter dem Begriff Displaced Persons (DPs) zusammen –, der Zivilisten in zerbombten Städten und der Kriegsgefangenen organisieren, ohne über genügend Ressourcen zu verfügen. Es sollte vor allem zunächst die Ernährung der amerikanischen Soldaten, der DPs und der deutschen Zivilisten gesichert werden – den Kriegsgefangenen konnten und wollten die US-Truppen keine Sonderrechte einräumen.

Die Alliierten waren schlichtweg nicht auf die große Zahl der Kriegsgefangenen vorbereitet. Weitere Transporte in die Kriegsgefangenenlager in Frankreich und Belgien waren in dem bisherigen Ausmaß nicht möglich. Die gescheiterte deutsche Ardennenoffensive, die Überquerung des Rheins bei Remagen durch amerikanische Streitkräfte am 7. März 1945 und die Kapitulation im sogenannten Ruhrkessel ließen die Zahl der deutschen Soldaten in westalliierter Kriegsgefangenschaft explosionsartig ansteigen. Alleine bei der Kapitulation im Ruhrgebiet gerieten Mitte April 1945 ca. 325.000 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Als Deutschland schließlich im Mai 1945 kapitulierte, wuchs diese Zahl weiter: Während zu Beginn des Jahres 1945 etwa 300.000 bis 370.000 Deutsche in amerikanischer Kriegsgefangenschaft waren, stieg die Zahl in den Wochen um die Kapitulation auf fast 2,6 Millionen Soldaten sprunghaft an. Ein Grund dafür ist, dass sich viele deutsche Soldaten bewusst in amerikanische Kriegsgefangenschaft begaben, weil sie sich dort eine bessere Behandlung erhofften.

Als die britische Heeresleitung im Februar 1945 die Versorgung für die deutschen Kriegsgefangenen ablehnen musste, weil sie diese nicht mehr leisten konnte, blieb die Verantwortung für die Unterbringung der Kriegsgefangenen zunächst ganz den Amerikanern überlassen. Diese legten insgesamt 200 Kriegsgefangenenlager verschiedener Größe in ganz Europa an, um die Menschenmassen unterzubringen. Die Rheinwiesenlager waren die größten und von den Lebensbedingungen härtesten dieser Lager.

Da in den Monaten März bis Mai 1945 noch Krieg herrschte, konzentrierten sich die US-Truppen vorrangig auf den militärischen Sieg und nicht auf die Versorgung der Kriegsgefangenen. Im Verlauf der letzten Kriegsmonate befreiten alliierte Einheiten zudem Konzentrationslager wie Bergen-Belsen oder Buchenwald und wurden so zu Augenzeugen der Verbrechen, die dort begangen worden waren.

Deckblatt Nr.9

Tagungsband Nr.9 „Kriegsgefangenenlager 1939-1950“ herunter laden (Bild anklicken)

Ebenfalls wurde bekannt, wie menschenunwürdig die deutsche Wehrmacht ihrerseits mit Kriegsgefangenen, besonders mit den sowjetischen, umgegangen war. Dies beeinflusste sicherlich auch die Haltung gegenüber den deutschen Gefangenen. Feindbilder, die in der amerikanischen Kriegspropaganda jahrelang genutzt wurden und sich oft auch mit dem Bild deckten, das die Nationalsozialisten von sich selbst entwarfen, wirkten sich ebenfalls auf die Behandlung in den Kriegsgefangenenlagern aus. Dazu gehörten die Vorstellungen etwa vom niemals endenden Kampfeswillen nationalsozialistischer Untergrundorganisationen wie dem Werwolf oder der Erziehung der Jugend zu fanatischen Kämpfern in Nationalsozialistischen Erziehungsanstalten (Napola). Sie ließen der amerikanischen Militärregierung eine sehr breite Verhaftungswelle folgerichtig erscheinen, da die Sicherheit der eigenen Soldaten Vorrang hatte. Daher wurden neben Bürgermeistern auch Zivilisten – vor allem wenn sie eine Uniform trugen, wie etwa Polizisten, Förster, Bahn- und Postbedienstete – in Kriegsgefangenenlager gebracht, sofern sie nicht in sogenannten Zivilgefangenenlagern interniert wurden. Jugendliche und alte Männer über 60 Jahre gerieten in Kriegsgefangenschaft, wenn sie im Verdacht standen, entweder dem Volkssturm oder dem sogenannten Werwolf anzugehören. Letzerer war eine NS-Untergrundorganisation, die in bereits von den Alliierten besetzten Gebieten mit Sabotageakten den Kriegsverlauf noch beeinflussen sollte. Noch kurz vor Kriegsende wurde im September 1944 unter Befehl von Heinrich Himmler mit dem Volkssturm ein ‚letztes Aufgebot‘ einberufen. Von der NS-Propaganda angestachelt, hatten sie an manchen Orten verbissen den sinnlosen Endkampf geführt und dabei viele Tote auf alliierter Seite verursacht.

US-amerikanisches Flugblatt

UA-amerikanisches Flugblatt, Quelle: Christiane Weber. Die US-amerikanischen Streit­kräfte rie­fen auf Flug­blät­tern, die sie über Deutsch­land abwar­fen, die Sol­da­ten und die Bevöl­ke­rung auf, sich zu erge­ben. Da viele deut­sche Sol­da­ten die­sem Auf­ruf vor dem nahen­den Kriegs­ende folg­ten, stieg die Zahl der Kriegs­ge­fan­ge­nen sprung­haft an.

Die Hal­tung der Allier­ten zu den deut­schen Kriegsgefangenen

Da in den Mona­ten März bis Mai 1945 noch Krieg herrschte, kon­zen­trier­ten sich die US-Truppen vor­ran­gig auf den mili­tä­ri­schen Sieg und nicht auf die Ver­sor­gung der Kriegs­ge­fan­ge­nen. Im Ver­lauf der letz­ten Kriegs­mo­nate befrei­ten alli­ierte Ein­hei­ten zudem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger wie Bergen-Belsen oder Buchen­wald und wur­den so zu Augen­zeu­gen der Ver­bre­chen, die dort began­gen wor­den waren. Eben­falls wurde bekannt, wie men­schen­un­wür­dig die deut­sche Wehr­macht ihrer­seits mit Kriegs­ge­fan­ge­nen, beson­ders mit den sowje­ti­schen, umge­gan­gen war. Dies beein­flusste sicher­lich auch die Hal­tung gegen­über den deut­schen Gefan­ge­nen. Feind­bil­der, die in der ame­ri­ka­ni­schen Kriegs­pro­pa­ganda jah­re­lang genutzt wur­den und sich oft auch mit dem Bild deck­ten, das die Natio­nal­so­zia­lis­ten von sich selbst ent­war­fen, wirk­ten sich eben­falls auf die Behand­lung in den Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gern aus. Dazu gehör­ten die Vor­stel­lun­gen etwa vom nie­mals enden­den Kamp­fes­wil­len natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund­or­ga­ni­sa­tio­nen wie dem Werwolf oder der Erzie­hung der Jugend zu fana­ti­schen Kämp­fern in Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Erzie­hungs­an­stal­ten (Napola). Sie lie­ßen der ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­re­gie­rung eine sehr breite Ver­haf­tungs­welle fol­ge­rich­tig erschei­nen, da die Sicher­heit der eige­nen Sol­da­ten Vor­rang hatte. Daher wur­den neben Bür­ger­meis­tern auch Zivi­lis­ten – vor allem wenn sie eine Uni­form tru­gen, wie etwa Poli­zis­ten, Förs­ter, Bahn– und Post­be­diens­tete – in Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger gebracht, sofern sie nicht in soge­nann­ten Zivil­ge­fan­ge­nen­la­gern inter­niert wur­den. Jugend­li­che und alte Män­ner über 60 Jahre gerie­ten in Kriegs­ge­fan­gen­schaft, wenn sie im Ver­dacht stan­den, ent­we­der dem Volks­sturm oder dem soge­nann­ten Werwolf anzu­ge­hö­ren. Let­ze­rer war eine NS-Untergrundorganisation, die in bereits von den Alli­ier­ten besetz­ten Gebie­ten mit Sabo­ta­ge­ak­ten den Kriegs­ver­lauf noch beein­flus­sen sollte. Noch kurz vor Kriegs­ende wurde im Sep­tem­ber 1944 unter Befehl von Hein­rich Himm­ler mit dem Volkssturm ein ‚letz­tes Auf­ge­bot‘ ein­be­ru­fen. Von der NS-Propaganda ange­sta­chelt, hat­ten sie an man­chen Orten ver­bis­sen den sinn­lo­sen End­kampf geführt und dabei viele Tote auf alli­ier­ter Seite verursacht.