Gefangenenstruktur

In den Rheinwiesenlagern wurden vorwiegend deutsche Soldaten aus der Wehrmacht und der Waffen-SS gefangen gehalten. Ehemalige militärische Kampfeinheiten oder Gruppen, die gemeinsam in ein Lager gebracht worden waren, wurden zumeist aufgeteilt und getrennt untergebracht. Die deutschen Offiziere wurden ebenfalls von den ‚gewöhnlichen‘ Soldaten separiert und waren besser gestellt, so erhielten sie beispielsweise Zelte, was den Vorgaben der Genfer Konventionen entsprach. Viele der Gefangenen waren durch die Rückzugsgefechte, die schlechte Versorgung und den Aufenthalt in den Sammellagern an der Front körperlich und seelisch geschwächt.

Die Kriegsgefangenen stammten aus allen Gebieten des ehemaligen Deutschen Reichs und aus den verschiedenen sozialen Schichten. Ihre Kriegserlebnisse unterschieden sich ebenso wie ihr Alter. Neben den deutschen Wehrmachtsangehörigen gab es auch Luxemburger, Belgier, Slowenen, Ungarn, Volksdeutsche aus Polen und Soldaten aus Elsass-Lothringen, die mehrheitlich zwangsrekrutiert worden waren, um für die deutsche Armee zu kämpfen. Oft waren sie unter Drohungen gegen ihre Familien in den besetzten Gebieten zum Militärdienst gezwungen worden. Eine kleinere Gruppe stellten jene ausländischen Soldaten aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern dar, die sich freiwillig zum Dienst in der deutschen Wehrmacht oder bei der Waffen-SS gemeldet hatten. Unter den Begriff ‚special nationals‘ fielen in den Kriegsgefangenenlagern auch ausländische Zivilisten, die in den von den Deutschen besetzten Gebieten mit diesen kollaboriert hatten.

Frauen in Sinzig

Frauen als Kriegsgefangene, Quelle: Gückelhorn/Kleemann 2013.

Einer der zentralen Gründe für die Errichtung der Rheinwiesenlager war das Aufspüren und Separieren von Kriegsverbrechern, um diese später gerichtlich zur Rechenschaft ziehen zu können. Denn unter den Gefangenen waren zahlreiche Mitglieder der SS und der Wehrmacht, die sich aktiv an Kriegsverbrechen beteiligt oder sich bei dem brutalen Vorgehen der deutschen Armee gegen Zivilisten in den besetzten Gebieten schuldig gemacht hatten.

Unter den Gefangenen gab es zudem deutsche Zivilisten, darunter auch Jugendliche und Frauen. Sie wurden als ‚automatic arrests‘ festgenommen, da sie entweder eine politische Funktion im Staat oder in der NSDAP inne hatten – zum Beispiel als Bürgermeister – oder weil man sie verdächtigte, im Untergrund oder im Volkssturm weiter kämpfen zu wollen. In den Rheinwiesenlagern waren insgesamt etwa 2.600 Frauen interniert. Sie waren meist als sogenannte Wehrmachts- und Luftwaffenhelferinnen, als Funkerinnen, Sanitäterinnen, Schreibkräfte oder für das Deutsche Rote Kreuz an und hinter der Front tätig gewesen. In den Lagern selbst wurden die Frauen in separaten Lagerbereichen untergebracht, ihnen wurden Zelte zur Verfügung gestellt und sie wurden besser verpflegt als die Männer. Die meisten Frauen wurden nach wenigen Wochen wieder entlassen.

Da die amerikanische Lagerleitung einige der Gefangenen mit Funktionen in der Verwaltung des Lagers ausstattete, entwickelte sich eine Lagerhierarchie. Als Campleiter, Lagerpolizist, Dolmetscher oder Koch konnten sich diese Gefangenen Vergünstigungen verschaffen. Zudem mussten sie nicht unter freiem Himmel leben, sondern hatten einen Schlafplatz in den wenigen Baracken oder Häusern der Verwaltung. Zwischen ihnen und den übrigen Gefangenen kam es in vielen Lagern zu Missgunst und Übergriffen, da sich die deutschen Hilfskräfte der Lagerleitung oft an den Lebensmittelvorräten bereicherten.

Einige Zeitzeugen erinnern sich an Diebstähle und Schlägereien im Lager. Die Gefangenen stritten um Lebensmittel, Trinkwasser, Schlafplätze oder notwendige Gebrauchsgegenstände wie Zeltplanen oder Besteck. Als Strafe wurden die Schuldigen von den anderen Gefangenen separiert oder intern bloßgestellt. In manchen Lagern wurden sie regelrecht an den Pranger gestellt und mit Schlägen von der deutschen Lagerpolizei oder den Mitgefangenen bestraft. Doch auch das Gegenteil war der Fall: Es formten sich im Lager mitunter auch neue Gruppen, die sich gegenseitig halfen. Sie leisteten praktische und emotionale Unterstützung, organisierten die Selbsthilfe, teilten ihre Besitztümer, wie zum Beispiel Zelte, und halfen sich in schwierigen Situationen. Dies war besonders wichtig, da die Gefangenen nicht mehr in ihren ursprünglichen Einheiten und Truppen organisiert waren, sondern bei der Gefangennahme auf verschiedene Lager oder Cages verteilt worden waren.