Lagerbedingungen und Krankheiten

Kriegsgefangene im Lager Rheinberg gruben sich als Schutz vor den Witterungen Löcher in die Erde. Fotografie der US-Armee, 3. März 1945. Quelle: National Archives Washington, DC.

Kriegsgefangene im Lager Rheinberg gruben sich als Schutz vor den Witterungen Löcher in die Erde. Fotografie der US-Armee, 3. März 1945. Quelle: National Archives Washington, DC.

Bereits unmittelbar nach der Gefangennahme konnte man die deutschen Soldaten in den Sammellagern hinter der Front wegen der andauernden Kriegshandlungen nur mit Mühe unterbringen. So kamen die Gefangenen oft bereits von Hunger und Kälte geschwächt auf LKW oder später in Zügen in den Rheinwiesenlagern an. Dort mussten sie meistens, wenn dies nicht vorher geschehen war, ihre Besitztümer abgeben. Dies galt auch für die militärische Ausrüstung, für Zelte, Decken, Wechselkleidung oder Nahrungsmittel. Die ankommenden Gefangenen im Lager waren schockiert über die Zustände. Es hatte sich herumgesprochen, dass Kriegsgefangene, die zuvor in den USA, Kanada und Großbritannien interniert worden waren, ihren Familien in Feldpostbriefen von der guten Behandlung dort berichtet hatten. In Verkennung der Gegebenheiten vor und bei Kriegsende erwarteten diese nun auch, in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft in Deutschland gut versorgt zu werden.

In der ersten Zeit gab es kein fließendes Wasser in den Kriegsgefangenenlagern. Die Gefangenen in Büderich nutzten einen schmalen Bach, um sich darin zu waschen und zu rasieren. Fotografie der US-Armee aus dem Lager Büderich, 3. März 1945. Quelle: National Archives Washington, DC.

In der ersten Zeit gab es kein fließendes Wasser in den Kriegsgefangenenlagern. Die Gefangenen in Büderich nutzten einen schmalen Bach, um sich darin zu waschen und zu rasieren. Fotografie der US-Armee aus dem Lager Büderich, 3. März 1945. Quelle: National Archives Washington, DC.

In manchen Rheinwiesenlagern gab es zwar Baracken für Kranke, weibliche Gefangene und höhere Militärränge, doch die meisten Kriegsgefangenen mussten der Witterung ausgesetzt unter freiem Himmel campieren. Sie versuchten, sich notdürftig gegen Regen, Sonne und nächtliche Kälte zu schützen: Sie teilten sich die wenigen Decken und Mäntel, nutzten Pappe oder Holzbretter, wenn sie diese organisieren konnten, als Unterlage und viele von ihnen gruben sich verbotenerweise Erdlöcher. Doch die vorhandenen Decken reichten nicht für alle und waren zudem schnell vom Dreck und Regen durchweicht. In vielen Berichten von ehemaligen Kriegsgefangenen heißt es, dass der Regen die Lager in ‚Schlammwüsten‘ verwandelt habe. Diese Bedingungen und das Fehlen von Toiletten und Abwasserkanälen – man konnte in den ersten Monaten lediglich Fäkaliengruben im Freien ausheben – förderten die Verbreitung von Krankheiten und im regnerisch-kühlen April 1945 auch von Erfrierungen. Besonders Infektionskrankheiten wie die Ruhr mit den typischen Durchfällen wurden für die Kranken zur Qual, weil es keine oder nur völlig unzureichende hygienische Einrichtungen und Waschmöglichkeiten gab. Häufig kam es zu Lungenentzündungen, Hungerödemen, Gliederschwellungen und extremen Schwächeanfällen. Gleichzeitig konnte keine umfassende medizinische Versorgung der durch den Krieg körperlich und seelisch geschwächten Soldaten gewährleistet werden, obgleich es in den Lagern notdürftig eingerichtete Lazarette gab. Besonders schwer Erkrankte wurden in Einzelfällen auch in amerikanischen und deutschen Krankenhäusern außerhalb des Lagers behandelt. Die Gefangenen wurden mit dem damals üblichen Insektizid DDT entlaust und gegen Typhus und Ruhr geimpft, um die weitere Verbreitung von Seuchen und Krankheiten zu verhindern.

Neben den körperlichen Folgen der Haft war für viele Gefangene die seelische Belastung besonders schwer zu ertragen: Sie litten wegen der Enge unter Ängsten, Depressionen und Lagerkollern, verfielen Wahnvorstellungen, verzweifelten, wurden apathisch oder aggressiv. Die meisten sahen sich nun als Opfer des Krieges. Nach ihrer Vorstellung hatten sie lediglich ihre Pflicht getan und waren Befehlen gefolgt, wohingegen sie im Lager kollektiv wie Täter behandelt wurden. Dass Einheiten der Wehrmacht andere Länder brutal unterworfen und deren Ausbeutung ermöglicht hatten, blendeten sie zumeist aus. Die Gefangenen – so wird aus ihren Berichten deutlich – fühlten sich hilflos dem Schicksal und den amerikanischen Bewachern ausgeliefert, da ihnen jegliches Handeln unmöglich gemacht wurde. Besonders die ungewisse Zukunft setzte den Männern zu, da niemals klar war, ob und wann sie entlassen werden und ob sie Reparationsarbeiten in Belgien, Frankreich oder anderswo leisten müssen. Gleichzeitig realisierten die Gefangenen, dass alles zerstört war, was ihr Leben zuvor bestimmt hatte. Auch plagte sie die Sorge um ihre Familien, deren Schicksal sie nicht kannten und wegen der Postsperre bis Juni 1945 auch nicht klären konnten. Selbst über diesen Zeitpunkt hinaus konnten viele der Briefe nicht zugestellt werden, da das Postwesen in Deutschland noch nicht wieder funktionierte oder die Gefangenen nicht wussten, wo ihre Familien nach der Flucht aus den Ostgebieten oder aus bombardierten Städten lebten. Um der bedrückenden Situation zu entkommen, kam es vereinzelt zu Fluchtversuchen. Diese endeten zumeist tödlich, da die US-Armee den Befehl hatte, Flüchtige zu erschießen. Einige Gefangene begingen auch Selbstmord.