Alltag

Tagebuch schreiben, zeichnen oder schlafen waren Möglichkeiten, die Zeit im Lager zu füllen. Fotografie der US-Armee aus dem Lager Ludwigshafen-Rheingönheim, 28. Mai 1945. Quelle: National Archives Washington, DC.

Tage­buch schrei­ben, zeich­nen oder schla­fen waren Mög­lich­kei­ten, die Zeit im Lager zu fül­len. Foto­gra­fie der US-Armee aus dem Lager Lud­wigs­ha­fen-Rhein­gön­heim, 28. Mai 1945. Quel­le: Natio­nal Archi­ves Washing­ton, DC.

Die meis­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen – abge­se­hen von jenen mit Funk­tio­nen inner­halb des Lagers – muss­ten nicht arbei­ten. Nur ver­ein­zelt wur­den Arbeits­trans­por­te zu aus­wär­ti­gen Ein­satz­or­ten zusam­men­ge­stellt, die das Lager tags­über ver­lie­ßen. So war der All­tag meist von Lan­ge­wei­le und Ein­tö­nig­keit bestimmt. Um dem Abhil­fe zu schaf­fen, ent­wi­ckel­ten die Kriegs­ge­fan­ge­nen schnell ein impro­vi­sier­tes Frei­zeit­an­ge­bot. So wird bei­spiels­wei­se berich­tet, dass Thea­ter­stü­cke aus dem Gedächt­nis vor­ge­tra­gen wur­den und ein Opern­sän­ger für sei­ne Mit­ge­fan­ge­nen sang. War es einem Gefan­ge­nen gelun­gen, ein Buch in das Lager zu schmug­geln, wur­de dar­aus vor­ge­le­sen, oder man lausch­te den Berich­ten und Erzäh­lun­gen Ein­zel­ner über die ver­schie­dens­ten The­men. Die Gefan­ge­nen orga­ni­sier­ten sich immer mehr, so bas­tel­ten sie sich in man­chen Lagern Schach­bret­ter und -figu­ren oder auch Spiel­kar­ten. Reli­giö­se Gefan­ge­ne nah­men an evan­ge­li­schen oder katho­li­schen Got­tes­diens­ten teil und es gab Beicht­ge­le­gen­hei­ten sowie Bibel­stun­den.

Abendmahlgeschirr aus Granaten. Bildunterschrift: Abendmahlskelch aus Granaten; Quelle: Dokumentationszentrum Bretzenheim. In den Rheinwiesenlagern wurden auch evangelische und katholische Gottesdienste, Beichten und Bibelstunden abgehalten. Die Gefangenen improvisierten aus alten Granathülsen das benötige Abendmahlgeschirr.

Abend­mahls­kelch aus Gra­na­ten; Quel­le: Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Bret­zen­heim. In den Rhein­wie­sen­la­gern wur­den auch evan­ge­li­sche und katho­li­sche Got­tes­diens­te, Beich­ten und Bibel­stun­den abge­hal­ten. Die Gefan­ge­nen impro­vi­sier­ten aus alten Gra­nat­hül­sen das benö­ti­ge Abend­mahl­ge­schirr.

Hier­bei stand das Mut­ma­chen auf eine bal­di­ge Zukunft außer­halb der Lager im Vor­der­grund. Ande­re ver­trie­ben sich die Zeit beim Lesen, Zeich­nen, Schrei­ben oder mit Sport, wenn dies ihr Zustand erlaub­te. Je län­ger die Lager bestan­den, des­to mehr bil­de­ten sich auch Chö­re und Gesangs­grup­pen, die in Varie­té-Vor­stel­lun­gen auf­tra­ten. Ab Spät­som­mer 1945, als bis auf zwei alle pro­vi­so­ri­schen Rhein­wie­sen­la­ger auf­ge­löst wor­den waren, wur­de auch das Bil­dungs­an­ge­bot aus­ge­baut und sys­te­ma­ti­siert. Teil­wei­se fin­det man hier­für die Bezeich­nung „Sta­chel­draht-Uni­ver­si­tät“ (Arthur L. Smith). The­ma­tisch waren die ange­bo­te­nen Kur­se breit gefä­chert und reich­ten von Sprach­kur­sen in Eng­lisch oder Geschichts­stun­den bis zu Natur­wis­sen­schaf­ten oder Fra­gen des All­tags.